Andalusien – ein Paradies für Radfahrerinnen und Radfahrer
Die Atlantikküstenroute (EuroVelo 1)
Das kleine historische Aracena, etwa 90 km nordwestlich von Sevilla, liegt mitten im Naturpark Sierra de Aracena y Picos de Arcoche. Unterhalb der hochgelegenen mittelalterlichen Burg befindet sich eines der spektakulärsten Höhlensysteme Spaniens. Das fahrradfreundliche und wunderschön restaurierte Nonnenkloster aus dem Jahr 1662 ist für einige Tage unser Ausgangspunkt. Die weißen Dörfer mit ihren schmalen, gepflasterten Gassen und die weiten Wiesen mit Stein-, Gall- und Korkeichen, Olivenhainen und Kastanienbäumen sind typisch für diese Region.
Einst die Lebensader eines geschäftigen Netzwerks
Das alte Gleisbett der Eisenbahnlinie Minas de Cala, die von 1905 bis 1955 in Betrieb war, schlängelt sich vom verfallenen Bahnhofsgebäude beim Dorf Santa Olalla del Cala durch die malerische Landschaft der Sierra de Aracena. Rechts von uns liegt eine beeindruckende Burg. Zwischen den aufgeschichteten Steinmauern fahren wir weiter zur Ruine des Bahnhofs Cruce de Vías. Dort tauschen wir die alte Bahnstrecke gegen einen Feldweg durch die Wiesen des Naturparks und gelangen in die Sierra Morena, in das von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärte Gebiet. Der Regen hat für eine frischgrüne Umgebung mit vielen Blüten gesorgt. Man hört die Bienen summen und in einem Bächlein das Wasser hinunterplätschern.
In dieser Gegend wurden früher Blei, Silber, Quecksilber und viele andere Metalle abgebaut. Das hat zu einer schweren Beeinträchtigung der Natur geführt. Direkt an der Route unter uns liegt die klaffende, tiefe Wunde des Steinbruchs der Mina de Teuler. Dieser wurde bereits 1982 geschlossen, doch nur sehr langsam erobert sich die Natur das Schutzgebiet zurück.
Auge in Auge mit den berühmtesten Schweinen der Welt
Die Dehesa, ein einzigartiges mediterranes Waldökosystem, ist nur hier zu finden. In dieser wunderschönen Natur reißen die „Ohs“ und „Ahs“ nicht ab. Das Leben der weltberühmten Iberico-Schweine ist ein Fest. Sie können auf einer großen Fläche frei grasen, ganz anders als das Leben in den Liegeboxen bei uns. Auf ihrem Speiseplan stehen die Früchte (Bellota) der verschiedenen Arten jahrhundertealter Eichen auf den Weiden. Plötzlich stehen wir einer ganzen Herde der kleinen schwarzgrauen Tiere gegenüber.
Dörfer in Ruhe
Auch in dem nahe der Grenze zu Extremadura gelegenen Ort Cala steht eine große Burg, die einst für die Verteidigung sorgen musste. Ein Eisenbahnwaggon erinnert an die einst so reiche Bergbauvergangenheit. Während der typisch spanischen Siesta ist das Dorf völlig ausgestorben. Bei den seit 2010 verlassenen Minen sieht es noch so aus, als wären die Aktivitäten erst gestern eingestellt worden. In dem etwas weiter entfernten winzigen Dorf Corteconcepción befindet sich die aus dem Jahr 1842 stammende handwerkliche Schinkenmanufaktur Jamones Eíriz. Hier erfahren wir alles über den legendären Iberico-Schinken und dürfen natürlich auch probieren. Eine Verwandte, die eine Zeit lang in den Niederlanden gelebt hat, gibt sich alle Mühe, sich in ihrem besten Niederländisch mit uns zu unterhalten. Ein schöner Abschluss unseres ersten Tages.
Der Himmel auf Erden?
Südlich von Aracena bei der Peña del Hierro wird entlang des Flusses Rio Tinto seit Jahrtausenden Bergbau betrieben. Auch hier hat die Natur nicht gerade an Schönheit gewonnen. Aber es wird alles getan, um die Landschaft durch Neuanpflanzungen wiederherzustellen. Die gelb-rote Farbe des Flusses lässt nichts Gutes über die Wasserqualität ahnen. Da die extrem saure Umgebung hier der auf dem Mars am nächsten kommt, führt die NASA hier auch Experimente durch. An der wunderschön restaurierten Station von Nerva aus dem Jahr 1904, in der heute ein Restaurant untergebracht ist, machen wir Halt für unser Mittagessen. Das dazugehörige Hostel (A Hostel 84) ist ideal für Radfahrer. Als der Abend hereinbricht, wird uns bewusst, dass es nicht immer die schöne Natur ist, die uns das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, sondern auch das Gefühl, in die Vergangenheit zu reisen, ist mehr als faszinierend.
Das größte Tagebaubergwerk der Welt
Über die touristische Bergwerksstation, wo man sich für eine 22 km lange Fahrt auf den alten Bergwerksgleisen anmelden kann, fahren wir an den Überresten der riesigen Abbaustätten vorbei, die hier von 1873 bis 2001 betrieben wurden. Eine alte, in England gebaute Dampflok ziert den Kreisverkehr beim Dorf Minas de Rio Tinto. Nach einem kurzen Anstieg blicken wir vom Aussichtspunkt auf den 2015 wieder aufgenommenen Abbau. Mit kolossalen Lastwagen werden große Felsbrocken zur Weiterverarbeitung abtransportiert.
Überreste der britischen Präsenz
Ab 1880 wurde in Minas de Rio Tinto ein separates Viertel im viktorianischen Stil für die englischen Ingenieure und ihre Familien gebaut, das Barrio Inglés. Sie wollten sich nicht unter die Einheimischen mischen und ihren eigenen Lebensstil bewahren. Die ehemalige presbyterianische Kirche wurde inzwischen wunderschön restauriert. Das Haus Casa 21 ist als Museum eingerichtet. Für diejenigen, die die Atmosphäre vergangener Zeiten erleben möchten, gibt es auch zwei schöne Unterkünfte. Doch der größte Teil des Viertels macht leider einen etwas verfallenen Eindruck. In der Nähe befindet sich auch das Museum im alten englischen Krankenhaus – das von 1873 bis 1954 in Betrieb war –, das die Geschichte des Bergbaus in dieser Region erzählt.
Der englische Club im Barrio Inglés sorgte Ende des 19. Jahrhunderts für die Einführung typisch englischer Sportarten auf der Iberischen Halbinsel, darunter Fußball, Tennis, Golf und Polo. Wofür ein kleines, fast vergessenes Dorf groß ist. Hier entwickelte sich 1888 ein Aufstand zum allerersten Umweltprotest der Welt. Tausende Bergleute lehnten sich gegen die niedrigen Löhne und die anhaltende starke Luftverschmutzung auf. Von dem Versprechen auf ein besseres Leben hatten sie nichts bemerkt. Der Kontrast zwischen dem Barrio Inglés und ihren Wohnverhältnissen war sehr groß. Diese Demonstration, bei der 13 Menschen ums Leben kamen, führte zur Gründung einer ökologischen Bewegung avant la lettre.
Nach dem Landesinneren erkunden wir auch die Küste (EuroVelo 8).
Das 100 km südlich von Sevilla gelegene Cádiz ist die älteste Stadt Westeuropas. Am Kilometer-0-Schild dieser Route beginnen wir unsere Tour entlang der Küste in Richtung San Fernando. Auf dem kilometerlangen Weg über Holzstege durch die Dünen liegt manchmal so viel Sand, dass wir ab und zu kurz absteigen müssen. In der aus Sümpfen bestehenden Landschaft des Naturparks Bahía de Cádiz strömt das aufsteigende Wasser mit großer Kraft herein.
Den Flamenco kennenlernen
San Fernando ist der Geburtsort eines der bekanntesten spanischen Flamencosänger, El Camarón de la Isla. In diesem Teil Spaniens sind diese Musik und dieser Tanz so tief in der Kultur verwurzelt, dass sie die Einwohner zu Tränen rühren. Bei der Durchquerung des wunderschönen Naturparks schlängeln wir uns mit dem Eurovelo über unbefestigte Wege und brandneue Brücken. Ein Mann, der nach Muscheln sucht, ist bis zu den Knien im Schlamm versunken. Gelegentlich sehen wir auch, dass hier noch Salz gewonnen wird. Die rosa Flamingos durchkämmen das seichte Wasser auf der Suche nach Nahrung. Entlang des Rio Iro fahren wir nach Chiclana de la Frontera hinein. Danach führt die Route wieder an die Küste.
Nur einen Steinwurf vom afrikanischen Kontinent entfernt
Auf dem gleichnamigen Kap steht der beeindruckende Leuchtturm von Trafalgar. Der Name erinnert sofort an den Song der Bee Gees. Die 1805 ausgetragene Seeschlacht zwischen England und Frankreich bedeutete eine schwere Niederlage für Napoleon und sicherte den Briten die lange Vorherrschaft auf den Weltmeeren. Der größte englische Seeheld, Admiral Nelson, kam dabei ums Leben. Die Route führt uns weiter in Richtung Tarifa und Gibraltar. Die Straßen führen hier ziemlich bergauf und bergab. Am Mirador Camarinal kann man die Küste Afrikas mit der weißen Stadt Tanger fast berühren.
Der schönste Abschnitt unserer Route
Hoch über der Pinada Duna de Bolonia im El Parque Natural del Estrecho haben wir einen schönen Blick auf eine 30 m hohe und 200 m breite Sandverwehung. Wir beenden unsere Tour bei den römischen Ruinen von Baelo Claudia aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., einer der bedeutendsten und am besten erhaltenen römischen Ausgrabungsstätten Andalusiens. Die geschützte Bucht war ein idealer Standort für diesen Fischerdorf, in dem auch die bekannte römische Fischsauce Garum hergestellt wurde.
Fazit
Die beiden Eurovelo-Routen in der Umgebung von Sevilla haben uns angenehm überrascht. Es wird viel getan, um das Radfahren unter anderem durch separate Radwege so sicher und angenehm wie möglich zu gestalten. Nach Sevilla haben wir die herrlich grüne und ruhige andalusische Landschaft, die wunderschön gelegene Altstadt von Cádiz und die hügelige Route entlang des Atlantiks und der Straße von Gibraltar mit Blick auf Afrika genossen. Die ideale Art, den Süden Andalusiens zu erkunden.
Text und Foto: Rens Klaasse

