Um die Erinnerung lebendig zu halten – In memoriam Suske Verhaegen

Manche Menschen schreiben im Radsport Geschichte. Andere bewahren sie. Frans Verhaegen – für alle einfach Suske Verhaegen – tat beides.

Als Chefredakteur hat man oft das traurige Privileg, einen Nachruf zu schreiben. Aber noch nie fühlte es sich so persönlich an wie jetzt. Es war Suske, der mir den Weg zu dem historischen und bekannten Radsportverein Koninklijke Lierse Bicycle (KLBC) in Lier wies. Suske hatte schon eine Weile mit dem Radsport aufgehört, als er Anfang 1982 als Vertreter von Marc Zeepcentrale die Garage meiner Eltern besuchte. Schnell kam das Gespräch auf Sohn Patrick, der Rennfahrer werden wollte. Suske erzählte, dass der beste Verein des Landes Lierse Bicycle sei, der Verein, dem er selbst früher als Nachwuchsfahrer angehörte.

Ich trat also als Junior im zweiten Jahr dem KLBC bei und war stolz darauf, die Trikots mit dem Sponsor Raiffeisen tragen zu dürfen. So lernte ich Suske als leidenschaftlichen Ex-Profi kennen, zu dem ich enorm aufblickte. Jedes Mal, wenn er in die Garage kam, erkundigte er sich bei meinen Eltern nach meinen Ergebnissen und gab mir Tipps für Training und Ernährung. Meine „Radsportkarriere“ war jedoch nicht von langer Dauer, denn Ende 1985 beschloss ich, im Geschäft meiner Eltern einzusteigen und den Leistungsradsport aufzugeben. Suske kam inzwischen nicht mehr als Vertreter in die Garage, was im damaligen Zeitgeist dazu führte, dass wir lange Zeit keinen Kontakt mehr hatten. Doch kurz nach dem Start des allerersten Cyclelive Magazine im Jahr 2010 – also 25 Jahre später – erhielt ich eine Nachricht von Suske. Er erzählte mir, wie „stolz“ er darauf sei, dass ich ein so wunderschönes Magazin herausbringe. Suske wurde sofort zu einem der größten Fans des Cyclelive Magazine, und so kamen wir wieder regelmäßig miteinander in Kontakt.

Gründer des Kempens Wielermuseum

Viele in der Radsportwelt haben ihre eigene Geschichte über und mit Suske Verhaegen, denn „unser Sus“ war immer für alles und jeden da, ganz besonders für jemanden, der mit dem Radsport zu tun hatte. Diesmal verlieren wir jedoch nicht nur einen ehemaligen Radrennfahrer. Wir verlieren einen Hüter unseres kollektiven Radsportgedächtnisses, einen Radsportfreund, der verstanden hat, dass das Radrennen erst dann wirklich lebt, wenn seine Geschichten weitergegeben werden.

Der Radrennfahrer Suske kannte die Tücken des Sports. In den 1970er Jahren fuhr er unter den Größten der Welt und feierte Siege unter anderem bei Kuurne–Brüssel–Kuurne und der Flandern-Meisterschaft. Er wusste, was es heißt, zu gewinnen, aber vielleicht noch besser, was es bedeutet, ein „Helfer“ zu sein. Er kannte die Arbeit, die Disziplin und die Kameradschaft im Peloton. Diese Erfahrung trug er sein ganzes Leben lang mit sich und erzählte später so gerne und eifrig davon. Doch seine größte Bedeutung für den Radsport wird sich nicht in den Ergebnislisten finden lassen.

Mit dem Kempens Wielermuseum gab Suske dem Radsport in seinem Grobbendonk ein Zuhause. Kein steriles Archiv, sondern ein warmer Ort, an dem Fahrräder, Trikots und vergilbte Fotos durch die Geschichten, die Suske seinen Besuchern erzählte, wieder zum Leben erweckt wurden. Wer das Museum besuchte, spürte, dass dies keine Sammlung aus Nostalgie war, sondern aus Liebe. Liebe zu den Radsporthelden der Kempen, zum Beruf des Radrennfahrers, zu den Geschichten hinter jedem Rennen. Später, als Suske gesundheitliche Probleme bekam, zog das Museum nach De Schorre in Boom um.

Inspirator des Freundeskreises ehemaliger Radrennfahrer

Darüber hinaus gründete er den Freundeskreis und organisierte die jährlichen Treffen für ehemalige Radrennfahrer. Was als Zusammenkunft unter Kameraden begann, entwickelte sich zu einem festen Termin im Kalender der ehemaligen Profis. Suske brachte Menschen zusammen, die sich manchmal jahrelang nicht gesehen hatten. Am Tisch wurde wieder geradelt – in Anekdoten, Neckereien und Erinnerungen. Das war sein Talent: Er verband Menschen.

In einer Zeit, in der der Radsport immer schneller, technischer und kommerzieller wird, erinnerte uns Suske daran, dass es beim Radsport im Wesentlichen um Menschen geht. Um gemeinsame Anstrengungen. Um Respekt vor denen, die vor uns fuhren. Er baute Brücken zwischen den Generationen und sorgte dafür, dass junge Fans wussten, auf wessen Schultern sie stehen.

Als Redaktion von Cyclelive schreiben wir oft über die Stars von früher und heute, über Innovationen und neue Talente. Aber ohne Menschen wie Suske verliert der Sport seine Seele. Er war ein Radsportler durch und durch, vielleicht der authentischste von uns allen! Im Namen der gesamten Redaktion möchte ich seiner Familie und seinen Angehörigen unser aufrichtiges Beileid aussprechen. Und gleichzeitig auch unsere Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Für seine Leidenschaft für den Radsport. Für seine unvergleichliche Herzlichkeit. Für seinen unermüdlichen Einsatz, das Radsport-Erbe am Leben zu erhalten.

Das Rennen rollt weiter… Das tut es immer…

Danke, Suske! Danke, dass ich dich kennenlernen durfte!
Patrick Van Gansen

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