Sehnsucht nach dem flämischen Frühling oder doch vor allem großer Durst?
Mit dem im Museum ausgeliehenen Retro-Rennrad und dem dazugehörigen Radtrikot aus den 70er- und 80er-Jahren sind wir als echte Flandriens „ganz wild darauf“, die erste gemeinsame Tour des Jahres zu fahren.
„Omloop der Volkscafés“
Die Wahl fiel auf diese 35 km lange Strecke entlang des Radwegenetzes. Die 2024 eröffnete Route entlang elf traditioneller Kneipen, Gesprächscafés und Brasserien garantiert herzliche Gastfreundschaft in authentischem Ambiente. Diese Cafés bilden jeweils das pulsierende Herz ihrer (Dorf- oder Stadtteil-)Gemeinschaft. An der Theke gibt es zweifellos auch genügend Radsportwissen für eine Diskussion bei einem Glas Bier über die Favoriten für die kommenden flämischen Kopfsteinpflasterklassiker. Und um die Verpflegung unterwegs müssen wir uns auf dieser Route ohnehin keine Sorgen machen.
Radsportgeschichte in Bildern
Vor der Abfahrt werfen wir noch einen Blick auf die Statue von Jempi Monsere neben dem Eingang des Museums und auf die Street-Art im Museumsgarten mit u. a. Porträts von Lotte Kopecky, Freddy Maertens und Rik Van Looy. Doch dann wird es an diesem frischen Morgen wirklich Zeit, den Körper etwas aufzuwärmen. Der erste Teil der Strecke ist eine Runde durch das Viertel Krottegem, wo Jempi Monseré lebte. Dabei fahren wir auch an der aus dem Jahr 1821 stammenden Brauerei Rodenbach vorbei. Hier wird das flüssige Kulturerbe der Stadt hergestellt.
Zum Glück gibt es noch typische Volkskneipen
Die Zahl der Cafés nimmt heutzutage rapide ab. Deshalb ist es schön, noch einen Eindruck von der typischen flämischen Café-Kultur bekommen zu können. Das Café Sanseveria in der Nähe des Hafens in Roeselare ist ein solches Volkscafé. Es macht seinem Namen alle Ehre mit den gleichnamigen Pflanzen, die dort auf der Fensterbank stehen. Ein kurzer Blick durch das Fenster zeigt die charakteristischen rot-weiß karierten Plastiktischdecken auf den Tischen und alte Fotos an der Wand. Hier dreht sich alles um das Erlebnis. Mit einem Retro-Fahrrad vor der Fassade erinnert alles an vergangene Zeiten.
Ein kurzer Blick auf die Radrennbahn
Kurz hinter dem Kerkplein in Rumbeke, in der Nähe des Cafés Torentje, das seinen Namen ebenfalls zu Recht trägt, führt uns ein Wegweiser zur Radrennbahn Defraeye-Secu. Dieser Velodrom wurde 1918 hinter dem damaligen Café des Sport des Radrennfahrers Odiel Defraeye angelegt, der 1912 als erster Belgier die Tour de France gewann. Patrick Sercu gab dort 1960 als Neuling sein Debüt und lernte dort das Handwerk des Bahnradfahrers. Die heutige, 2011 angelegte Bahn hat die gleichen Abmessungen wie die Holzbahn im Kuipke in Gent. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, was übrigens nur mit einem Führer möglich ist.
Hurra, ein Kopfsteinpflasteranstieg!
Die Temperatur steigt, wodurch der Nebel langsam verdunstet, sobald wir aus der Stadt herausfahren. Das sorgt für schöne Bilder. Das Muze’um L an der Bergstraat in Zilverberg fügt sich wunderbar in die hügelige Landschaft ein. Das moderne Gebäude liegt auf dem Lichtmeridian, was für ein wunderschönes Lichtspiel sorgt. Hier finden wir, nahe dem höchsten Punkt von Roeselare, den einzigen (Kopfsteinpflaster-)Anstieg auf unserer Route – 300 m mit durchschnittlich 2,7 % Steigung. Mal sehen, wie gut die Beine zu Beginn der Radsaison schon sind. Für einen Durstlöscher nach dieser Anstrengung ist die Zilverbergstatie – früher hielt der Zug ja im Dorf – ein prima Ort. Die Geselligkeit an der Theke sorgt dafür, dass wir noch eine Weile „hängenbleiben“.
Weiter über Landstraßen
Über Beitem und Koekuithoek gelangen wir nach De Ruiter. Zeit für die Verpflegung. Wir steigen beim Café d’Oude Glorie ab. Hier stehen noch „Schell van de Zeuge“ oder ein „Stuute met Kop“ auf der Karte. Man schmeckt buchstäblich und im übertragenen Sinne die Atmosphäre der guten alten Zeit. Ob das so gut für unsere Beine ist, ist fraglich, aber wir fühlen uns heute wie echte Flandriens aus der guten alten Zeit. Den Bauernjungen aus dieser Region, die Radrennen fuhren, wurde das zu Hause sicherlich auch serviert.
Radsportgeschichten aus Roeselare
Aber wir dürfen die Radsportstadt Roeselare natürlich nicht verlassen, ohne auch einen Eindruck von der lokalen Radsportgeschichte gewonnen zu haben. Mit weiteren 35 km auf der Jempi-Monsere- und der Wielerheldenroute haben „die Tapferen und nun vor allem Durstigen Radfahrer“ einen schönen Radtag verbracht. Wir schließen daher mit einem genussvollen Besuch in der neuen Erlebnisbrasserie „Het Foederhuis“ der Brauerei Rodenbach ab. Mit 70 km auf dem Tacho und einer personalisierten Flasche flüssigen Roeselaer Kulturerbes kehren wir zufrieden nach Hause zurück.
Text und Fotos: Rens Klaasse

